Laudatio zu Ehren von Erzbischof Ignatius Maloyan

Träger des Stephanuspreises 2015
Verleihung posthum – Preisträger wurde am 11. Juni 1915 in der Nähe von Diyarbakir (Türkei) ermordet
Basilika Sankt Aposteln am Neumarkt Köln, 13. Juni 2015
Professor Dr. Martin Tamcke, Georg-August-Universität Göttingen (Ökumenische Theologie, Orientalische Kirchen- und Missionsgeschichte)

 

Der armenisch-katholische Erzbischof Ignatius Maloyan (1869-1915): ein Märtyrer, dessen Wirkung noch heute verändernd wirken kann[1]

Vom 2. bis 3. November 2012 trafen sich unter dem den wahren Gegenstand etwas verdeckenden Konferenztitel „The Social and Economic History of Mardin and the Region“ auf Einladung der Hrant-Dink-Stiftung als Ausrichter, unterstützt von lokalen Verbänden wie der Mardiner Ärztekammer, Forscher aus aller Welt, die großenteils zum Völkermord an Armeniern und Syrern (gemeint sind Suryoye, Aramäer, Assyrer, Syrianer) berichteten. Rahel Dink, die Witwe Hrant Dinks, begrüßte uns mit einer engagierten Rede, die die Mängel im Bereich der Minderheitenrechte in der Türkei herausstellte, der Kollege Cengiz Aktar, ebenfalls von der Stiftung, wies auf die respektlose Behandlung der Minderheiten in den türkischen Schulbüchern hin. Der Kollege Gaunt, dessen Buch zum Völkermord an den syrischen Christen noch relativ neu war, begann sodann seine Eröffnungsrede mit dem eindringlichen und bewegenden Beispiel des Erzbischofs Ignatius Maloyan. Das wir in der Türkei diese große Konferenz gestalten konnten, war für alle von uns ein kaum zu fassendes Zeichen der Veränderung der politischen Lage in den kurdischen Regionen der Türkei. Und mittlerweile kann jeder, der es will, unsere Beiträge in der Türkei in der türkischen Publikation der Konferenz lesen. Die Ergebnisse wurden also nicht versteckt, nicht lediglich in den jeweiligen internationalen Sprachen veröffentlicht, sondern in der Sprache, über die allein eine Änderung des öffentlichen Bewusstseins in der Türkei zu erreichen sein wird. Unter uns war auch der damals einzige christliche Abgeordnete im türkischen Parlament, mittlerweile sind bei den gerade erst zurückliegenden Parlamentswahlen vier christliche Abgeordnete ins Parlament eingezogen. Ich beginne mit diesem Hinweis auf die Diskussionen in der Türkei, weil jede Erinnerung an Märtyrer von einst ihren Sinn nicht in der Verherrlichung vergangenen Verhaltens finden sollte, sondern aus dem Vergangenen zu einer Erinnerung nach vorne werden muss.  Niemand geringerer als der Erzbischof Maloyan selbst weist hierfür den Weg, wenn er Mut macht zum aufrechten Gang in Bedrängnis. „Fürchten sie sich nicht! Gott kümmert sich um die Leidenden. Sie werden feststellen, dass sein väterlicher Trost in all Ihren Kämpfen beruhigend wirkt.“ In diesem, an den Hauptpfarrer von Bzommar gerichteten Brief weist er darauf hin, dass er selber bereits aus dem bitteren Kelch der Leiden gekostet habe, der doch süß sein könne, wenn er mit dem Kelch Christi vermischt werde.“  Diese spirituelle Aussage des Erzbischofs  holt er durch sein späteres Handeln ein.

Zu Mardin und seinen Christen sind wir für diese Zeit sehr gut informiert. Leider kommen wir nur langsam in der Erschließung der Quellen und ihrer Übersetzung in westliche Sprachen voran. Wenn etwa der damalige ostsyrische Bischof der Stadt in seiner Beschreibung der Vorgänge, die er in einem Buch zusammenfasste, in englischer Sprache publiziert vorliegen wird (der Kollege Andrew Palmer sitzt an dieser Arbeit und ich habe versucht, ihn zu überreden, da auch eine deutsche Übersetzung folgen zu lassen), werden wir einmal mehr eine komplettierende Sicht zum Geschehen haben, bei der wir auszuhalten haben, dass die von der Vernichtung betroffenen christlichen Gemeinschaften in der Stadt leider nicht nur eines Sinnes waren und wir neu lernen müssen, ihren Stimmen zuzuhören, um ein immer vollständigeres Bild zu bekommen. Ich verzichte hier auf eine ausführlichere Darstellung des Genozidgeschehens, weil dazu nun unzählige Veröffentlichungen vorliegen, und beschränke mich auf einige knappe Linien mit Blick auf die Osttürkei.

Im Zuge des Bestrebens, ein zentralisiertes Reich zu schaffen, wurden die autonomen kurdischen Herrschaftsbereiche im Osten des Osmanischen Reiches Ende des 19. Jahrhunderts weithin zerschlagen. Die Folge war aber nicht eine geordnete Zentralisierung, sondern Anarchie. Die freigesetzte Gewalt richtete sich vor allem gegen alle Minderheiten außerhalb des sunnitischen Islam. Da der Staat wenigstens teilweise neue Verhältnisse etablieren konnte, forderte er auch direkt Steuern ein. Zugleich aber blieben überkommene Strukturen bestehen, die ihrerseits ebenfalls Steuern eintrieben. Die Niederlage im russisch-türkischen Krieg 1877/78 trieb erstmals Massen umzusiedelnder Muslime auf den Boden des Osmanischen Reiches. Viele wurden in den Osten verwiesen, mitten unter die Christen und Kurden und schlecht versorgt. Da Sultan Abdulhamid die auf dem Berliner Kongress vereinbarten Reformen, die den Armeniern zugutekommen sollten, hintertrieb, wuchs Widerstand. armenische Bauern in Sassun wehrten sich 1893/94 gegen die Eintreibung der Steuern. Zwar unterschrieb der Sultan 1895 auf internationalen Druck hin  nochmals das Reformprojekt, doch diesem Akt folgten unmittelbar antiarmenische Pogrome. Bis heute ist in der Forschung umstritten, ob diese Pogrome vom Sultan veranlasst waren oder nicht. Allerdings schützten die Lokalbehörden erkennbar nicht die Angegriffenen.

Die Reaktion des Westens war symptomatisch: viel humanitäre Hilfeleistung wohlmeinender Menschen, einige diplomatische Proteste, aber keine gezielte internationale Aktion gegen das Geschehen und für die Durchsetzung der internationalen Vereinbarungen. Kaiser Wilhelm fand sich gar am Hof des Sultans und Kalifen ein, obwohl er keinen Zweifel an seinem Abscheu für die Handlungsweise des osmanischen Herrschers hatte.

Mit dem Bund für Einheit und Fortschritt aus mittelständischen Kreisen unter französischem Einfluss schienen sich Retter des Staates anzubieten, die zugleich den Sultan zu stürzen sich anschickten. Während die Politik des Sultans auch die religiöse Komponente stark mit betont hatte, so im Islamismus, der ähnlich wie der Osmanismus ein einigendes Band für den instabilen Vielvölkerstaat zu etablieren suchte, waren die Jungtürken säkular gesonnen und instrumentalisierten den Islamismus lediglich für ihre Ziele. Schon bei den Pogromen im Kontext der Konterrevolution gegen die Jungtürken besonders um Adana fanden sich einerseits Jungtürken auf Seiten der Täter, andererseits weiterhin auch auf Seiten derer, die gegen Ausschreitungen sich einsetzten. Die politische Radikalisierung aufgrund der verlorenen Kriege in Libyen und den Balkankriegen führte in eine radikale Türkisierungspolitik um Enver Pascha, einem Bewunderer Preußens, und  in die jungtürkische Einparteiendiktatur. Die armenischen Bitten an internationale Mächte um Mediation wurden bereits als gegen den Staat gerichtet gesehen, Izmir als Hort des Griechentums als ein Zentrum eines inneren Tumors bezeichnet. Es kam zu Vertreibungen von Griechen und Armeniern an der ganzen Ägäisküste. Der wirtschaftliche Boykott armenischer und griechischer Händler wurde als politische Waffe angewandt, die sich gegen christliche „Ausbeuter“ und „Blutsauger“ wandte. Diese Vertreibungen waren noch nicht auf Vernichtung gerichtet. Dennoch starben unzählige Menschen.

Der Weltkrieg schuf neue Gelegenheiten. Enver versuchte einen aberwitzigen Feldzug gegen russische Truppen, der so gnadenlos scheiterte, dass das gesamte Reich gefährdet erschien. Hans Lukas Kieser meint, dass spätestens nun „der Antiarmenismus bei der türkischen Elite zu einer Obsession“ geworden sei. Talaat Pascha beschwerte sich gar bei einem Besuch in Malatya, darüber, dass die Moscheekanzel dort von einem armenischen Handwerker stammte. Da Armenier auch auf russischer Seite kämpften, kam es in Notwehr bei den schwer bedrängten Armeniern zu Gegenwehr, die türkischerseits genutzt wurden, sie als illoyale Aufstände gegen den Staat vorzuführen, um mit harten Maßnahmen reagieren zu können. Taner Akcam denkt an die Zeit im März 1915, also nach den großen militärischen Niederlagen im Osten, als diejenige, in der der Beschluss zur Vernichtung der Armenier fiel. Ende April  begann mit der Ausschaltung der gesamten armenischen Elite der Völkermord. Ab Mai häuften sich die Massaker. Schon im Sommer war auch der deutschen Botschaft klar, worauf das Geschehen zielte. Die Regierung verfolge tatsächlich den Zweck, meinte der Botschafter, „die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.“ Die „Verschickungen“ begannen, juristisch abgesichert durch das „Provisorische Gesetz über Massnahmen, welche die militärische Autorität gegen die Widersacher der Regierung zu ergreifen hat“ (27. Mai 1915). Deutsche rechtfertigten zunächst einige Verschickungen als militärisch notwendig. Eberhard Wolffskeel von Reichenberg involvierte sich selbst. Den deutschen Offizieren fiel auf, wie planmäßig sich alles vollzog. „Die Austreibung und Vernichtung der Armenier war vom jungtürkischen Komitee in Konstantinopel beschlossen, wohl organisiert und mit Hilfe von Angehörigen des Heeres und von Freiwilligenbanden durchgeführt. Hierzu befanden sich Mitglieder des Komitees hier an Ort und Stelle“. Dies war das Resümee eines deutschen Offiziers und Augenzeugen, des Oberstleutnants Stange. In der Regel wurden zunächst die Männer abgesondert. Wer nicht das eher seltene Glück hatte, in irgendwelche Arbeiter-Bataillone gesteckt zu werden, wurde zumeist in unmittelbarer Nähe oder nach kurzem Transport ermordet. Frauen und Kinder wurden, stets bedroht vom Mädchenraub durch marodierende Banden, in die Konzentrationslager in der syrischen Wüste verschickt, teilweise mit der Bahn in Viehwaggons, öfter zu Fuß. Was nicht Hunger und Strapazen schafften, dass schafften die ansteckenden Krankheiten infolge massiver hygienischer Probleme. Massenverbrennungen gestorbener Deportierter sollten den Seuchen wehren. Der Besitz wurde allen Zusagen zum Trotz in der Regel in staatliche Hand überführt. Deutsche Missionare sahen zu, wie lokale Reiche sich am Gut der Armenier bereicherten. Wir wissen heute aber, dass es erhebliche Unterschiede im Vorgehen beim Völkermord gab und dass er sich oft in mehreren Wellen an einem Ort vollziehen konnte.

In einer Provinzstadt wie Mardin wusste man nicht um den Befehl zur Vernichtung. Es erreichten die Stadt aber durchaus schon die Schreckensnachrichten zu dem, was im Nordosten der Region vor sich ging. Diese Nachrichten sorgten für verständliche Unruhe unter den Christen der Stadt. Noch am 18.  oder 20. April wurde Ignatius Maloyan von höchster Stelle, vom Sultan Mehmed V., mit einer Auszeichnung für sein Engagement bedacht, die ihm von Hilmi Bey überreicht wurde. Damit ist er kein Ausnahmefall. Viele Armenier hatten ursprünglich auf die Jungtürken gehofft, politisch gab es gemeinsame Ziele und Handlungen. Der Wechsel der Haltung der Regierung kam für viele Armenier immer noch unvorbereitet, hatten sie doch auf die Reformen zu ihren Gunsten kurz vor dem Krieg gehofft und aktiv sich für eine Umgestaltung der türkischen Gesellschaft eingesetzt. Das taten sie, obwohl die Bedrängnisse für sie in der türkischen Gesellschaft nie wirklich aufhörten. Maloyan, am 18. April 1869 in Mardin geboren, seit 1883 am Priesterseminar im libanesischen Bzommar studierend, 1896 zum Priester geweiht, nahm bewusst den Namen Ignatius an, den Namen des antiochenischen Märtyrerbischofs, der zu einer Leitfigur des christlichen Märtyrergedankens wurde. Als Pfarrer arbeitete er vorrangig in Kairo, das gehörte da noch zum Osmanischen Reich, mit einem starken Engagement für Arme und Kranke. Zu diesen Vergessenen empfand er sich von Gott gesandt und nahm dafür tägliche Erschöpfungszustände in Kauf. Von 1904 an war er Sekretär des armenisch-katholischen Patriarchen von Konstantinopel, Sorghos Bedros XII (1836-1915, 1904-1910 Patriarch), der wie er – allerdings als Bischof – in Ägypten gewesen war, wie er auch seelsorgerlich sich besonders für die Armen engagierte, wie er auch besonders gebildet war und einige Bücher verfasste. Als der Bischof seiner Heimatstadt Mardin aus Altersgründen zurücktrat, wurde Maloyan am 22. Oktober 1911 während der Synode der armenisch-katholischen Bischöfe in Rom zum Bischof seiner Heimatstadt gewählt und vom ebenfalls gerade in sein Amt gekommenen armenisch-katholischen Patriarchen von Konstantinopel, Boghos Bedros XIII. Terzian (1855-1931, 1910 bis 1930 Patriarch), konsekriert. Dieser Patriarch hat selbst autobiographisch seine Erinnerungen an die Zeit der Völkermorde festgehalten. In Princeton bekam ich von dessen Familie ein gerade aus dem Druck gekommenes Exemplar in die Hand, das allerdings auch zeigt, dass er es großenteils erst im Rückblick verfasst hat. Der Patriarch war Gesprächspartner von Johannes Lepsius, der 1915 nach Konstantinopel im Einverständnis mit der deutschen Reichsregierung gefahren war, um mit Enver Pasacha zu sprechen (wozu Lepsius einen Kurzbericht verfasste, den Franz Werfel in seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ aufnahm) und Materialien zusammenstellen zu dem, was geschah. Diese Materialien waren dann die Grundlage seines Berichtes, mit dem er die Zensur umging und dessentwegen er in die Niederlande ins Exil ging. Als Maloyan sein Amt in Mardin antrat, war seine Diözese noch von den Folgen einer Hungersnot gekennzeichnet und stieß sein starkes soziales Engagement immer wieder an Grenzen im Umgang mit den Behörden vor Ort. „Ständig schikaniert die Regierung mich und mein Volk in heimtückischer Weise. Wir tun niemanden leid, niemand versucht, diese verzweifelte Situation zu korrigieren.“ Mit seinem beharrlichen Engagement erwarb er sich den Respekt, der ihm auch die Auszeichnung durch den Sultan im April 1915 einbrachte. Als dann Reschid Bey im Mai 1915 mit der brutalen Maßnahmen gegen die Armenier in Diyarbakir begann, feierte Malyoan selbst noch am 3. Juni die Fronleichnamsmesse und mahnte die Gläubigen zu zivilem Gehorsam gegenüber den lokalen Behörden. Er war damit nicht allein. Der syrisch-katholische Patriarch in der Stadt wird später dem einstigen Missionar der deutschen Orientmission, Detwig von Oertzen, als der 1917 in Mardin als Pfarrer die Leitung des deutschen Soldatenheimes in der Stadt übernommen hatte, berichten, wie er seine Gemeinde im Hof des Patriarchates vor dem Abmarsch in die Deportation in Festtagskleidern versammelte, sie Abschied nahmen, beteten und sich segnen ließen. Nein, Aufständische waren diese Menschen nicht. Doch am selben Tag, an dem Maloyan noch zu zivilem Gehorsam aufgerufen hatte, erfolgte bereits die Absperrung der Stadt durch Milizionäre, kam es zu Hausdurchsuchungen. Maloyan gehörte mit sechs Priestern zu den ersten, die verhaftet und in der Zitadelle gefangengesetzt wurden. Am Folgetag, dem 4. Juni, erfolgte die Verhaftung von Notablen. Nun wurden Gefangene gefoltert. Maloyan, als herausragender Repräsentant seines Volkes, besonders. Zunächst die Bastonade, das gezielte Prügeln der Fußsohlen, und Ausreißen der Fingernägel.   Der Mann, der noch wenige Tage zuvor ausgezeichnete Kontakte zu den osmanischen Behörden zu unterhalten schien musste sich mit seinem schwer geschundenen Körper an die Spitze des ersten Deportationszuges stellen, zu dem 226 Armenier, 112 Syrer, 30 Chaldäer und 27 armenische und syrische Protestanten gehörten. Schon da hätte allen klar sein müssen, dass diese Aktion sich gegen alle christliche Konfessionen richtete. Aber das Unglaubliche geschah. Als der Zug, mit dem gemarterten Bischof, dessen Hals in Eisen lag und dessen Hände gefesselt waren, an der Spitze sich auf der Straße in aller Öffentlichkeit in Gang setzte, schmähte die umstehende Bevölkerung die Erniedrigten und – das scheint beschämend, ist aber aufgrund der Angst ums eigene Überleben auch zu verstehen – die in der Stadt verbleibenden Christen schwiegen. Dem ersten Zug folgte ein zweiter am 14. Juni, ein dritter am 2. Juli, am 10. August und 12. September folgte der Abtransport von Frauen und Kindern.  Da reagierten längst selbst die deutschen Diplomaten. Konsul Rössler, dieser deutsche Ausnahmediplomat vom Konsulat in Aleppo, verwies am 3. September die deutsche Reichsregierung darauf, dass aus den Maßnahmen gegen die Armenier Maßnahmen gegen die Christen geworden waren. Er berief sich u.a. auf einen Bericht des stellvertretenden syrisch-katholischen Bischofs von Mardin. Da waren gerade 300 Kinder und ältere Frauen aus Mardin bei ihm in Aleppo angekommen. „Der Rest der Gemeinschaft wird umgekommen oder entführt sein.“ Im Kern sind Berichte also richtig, die davon ausgehen, dass zumindest die Armenier Mardins zu dieser Zeit bereits alle niedergemetzelt waren, und auch die syrischen Katholiken. So sagten das auch zwei Kurden aus Mardin dem Armenier Matros Gasarian gegenüber aus und das berichtete daraufhin der deutsche Konsul von Adana nach Berlin. Merkwürdig an der Realität vorbei berichtet Talaat Pascha dem Gouverneur von Diyarbakir am 12. Juli lediglich von der nächtlichen Ermordung von 700 Armeniern in Mardin, die „wie die Schafe geschlachtet“ worden seien und verbat ausdrücklich, andere Christen einzubeziehen, um einen schlechten öffentlichen Eindruck zu vermeiden. Aber da waren längst auch die ersten Syrer getötet worden. Zwei Mutasarrifs von Mardin wurden, damit das alles überhaupt erst möglich wurde, ihres Amters enthoben, weil sie sich geweigert hatten, „die Befehle der Regierung gegen die Armenier auszuführen“. Als es die Syrer in Mardin und dem nahen Tur Abdin traf, setzten sie sich heftig zur Wehr. Sie wussten nun, was mit ihnen geschehen würde, würden sie den Zusicherungen der Beamten trauen. Es kam zu militanten Auseinandersetzungen mit dem türkischen Heer. Als die deutschen Diplomaten dann am 14.2. 1916 vermeldeten, Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz habe den „Konflikt“ beilegen können, war das nicht mehr als eine die Wahrheit weithin verdeckende Mitteilung. Mittlerweile waren auch die Syrer, zunächst die Ostsyrer, dann auch die Westsyrer, vernichtet worden.  Man kann es fast nicht glauben, dass die Überlebenden Christen weiter Gottesdienst hielten. Detwig von Oertzen von der deutschen Orientmission diente als deutscher Pastor überlebenden Syrern und Armeniern und der geistlich verwaisten amerikanischen Missionsstation, brachte gar zwei Vollwaisen aus Diyarbakir nach Mardin zu Verwandten. Erst 1922 setzten dann  die von Jakob Künzler und seiner Frau geleiteten Transporte in der Stadt ein, mit denen 7.000 überlebende Waisenkinder außer Landes gebracht und so gerettet wurden.

Was mit dem vom Gejohle der Bevölkerung begleiteten Auszug des erniedrigten armenisch-katholischen Erzbischofs Maloyan begann, wurde zur Ausrottung der Christen der Stadt, die noch zur knappen Hälfte christlich gewesen war: Armenier, armenische Katholiken, Syrisch-Orthodoxe, syrische Katholiken, armenische Protestanten, syrische Protestanten, Chaldäer und Angehörige der Kirche des Ostens. Die Patriarchen der Syrischen Orthodoxen Kirche residierten auch nach dem Massenmorden zunächst noch im Safrankloster bei der Stadt ebenso wie der nun ohne seine Gläubigen verwaiste syrisch-katholische Patriarch. Maloyan hatte dem Hauptkommissar der Polizei, Memdouh Bey, gegenüber seine Treue zum Staat betont und den Übertritt zum Islam verweigert. Bis zuletzt hielt er an seiner Treue zu dem Staat fest, der ihn im Begriff war, umzubringen. Als er wiederholt jede ihm und anderen Armeniern und Syrern unterstellte Illoyalität zum Staat im Namen aller zurückwies, wurde er von Memdouh Bey persönlich erschossen. Mit ihm am selben Tag starben auch die ersten Mitglieder seiner Familie. Es war nicht von ungefähr, dass der Staat sich zuerst derer entledigte, deren Staatsreue ihr Handeln fragwürdig machte. Mit ihnen starb der Traum einer friedvollen Koexistenz der Völker und Religionen in der Osttürkei. Und so sehr die Staatstreue des Gemarterten und Getöteten uns heute auch irritieren mag, sie war ein konsequenter Versuch, den Tätern vor Augen zu führen, dass sie das Recht – im Sinne etwa der erst im Dezember 1948 verabschiedeten Erklärung Menschenrechte der UN – nicht auf ihrer Seite hatten. Als der Reichstagsabgeordnete Mathias Erzberger seine Denkschrift am 3. März 1916 verfasste, da zählte Mardin bereits zu den 15 Diözesen, von denen er feststellte, dass sie aufgehört hätten zu existieren. Sie hätte ihre Bewohner „durch Metzeleien verloren“. Können wir anders, als zu hoffen, dass da eines Tages überall Kirchen oder wenigstens Denkmäler wiedererstehen, die an das erinnern, was da geschah? Wäre das nicht ein notwendiges Zeichen? Was den Getöteten geschah, kann keine Macht der Welt wieder gut machen. Aber die Lehre daraus ziehen können die Menschen dort eher, wenn zumindest die  Kirchen wieder erstehen, die unrechtmäßig zweckentfremdet, zerstört oder dem Verfall preisgegeben wurden. Nicht Museen sollten das werden, sondern Stätten der Erinnerung. Maloyans sinnlosem Tod würde ein Sinn gegeben, wenn alles getan würde, dass sich so etwas nie wiederholt. Stattdessen müssen wir zusehen, wie den durch die Genozide Traumatisierten in Syrien und dem Irak neue Traumata hinzugefügt werden. Maloyan blieb treu auch zu denen, die ihm feind wurden. Sollte das nicht zur Umkehr einladen, heute wieder ganz unbedingt? Können wir anders, als das wir das erwarten müssen, damit Steine reden, wo Menschen für immer zum Schweigen gebracht wurden?

 

[1] Der Vortragsstil ist – um den Charakter der Laudatio bei der Verleihung des Stephanspreises der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte beizubehalten – so erhalten geblieben, wie der Text auch tatsächlich in Köln in der Apostelkirche am Neumarkt vorgetragen wurde; Anmerkungen zu Textbelegen wurden nicht hinzugefügt.